Antwort auf: Re:Robert Enke ist tot von hb

Farman
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>>Abstraktes Gelaber
>
>Trotzdem nicht minder relevant.


Gracias.

>Also der Pluralismus der Gefühle ist ein Kernaspekt des menschlichen Daseins, ohne den wir ziemlich aufgeschmissen wären.

Graziös.
Ganz genau um die Frage nach einer Pluralität oder nach einer Komplexität von Emotionen geht es imo hauptsächlich, wenn man von medialer obszöner Standardisierung unserer Gefühlswelt spricht, die unglaublich destruktive Wirkungen hat. Egal, wie sehr ich es aufblähe und wieviel Mühe ich mir gebe, ich werde meine Schwester nie davon überzeugen können, dass RTL sie nicht emotional erfüllt. Schon krass, wie man versucht, sich für Dinge stark zu machen, die man in seiner nächsten Umgebung nicht realisiert bekommt. Schon krass, wie sehr wir uns nach lebensfeindlichem Kitsch sehnen, und sogar in Momenten, in denen ums Ganze geht, uns bloß in Kitsch ausdrücken können. Kitsch ist keine Nebenerscheinung, sondern eine allgemein standardisierte Kommunikationsweise. Es ist so schwer, Momente der Trauer in Akte der Trauer ummünden zu lassen und dabei die Integrität zu bewahren. Sich wie eine Maschine fernbedienen zu lassen, ist da so viel einfacher. Nur: Der Teufel ist bekanntlich immer dann am stärksten, wenn man glaubt, es gebe ihn nicht. Leute glauben, es sei der Weisheit letzter Schluss, alles auf die Heulsusen zu schieben und gleich die ganze Welt für unecht und aus Plastik zu erklären. Mulder und Scully wären beeindruckt, in was für einen Verschwörungs- und Auslegungswahn die oft versuchte Hinterfragung des Status quo mündet. Es ist die Political Correctness, die da im Fernsehen heult, nicht etwa die Frau, die auch noch ihr Kind verloren hat. Haben wir doch alles schon im Fernsehen gesehen, diese Geschichten, und die waren genau so inszeniert. Das ist Kitsch in Reinkultur. Rationalitäts- und Aufgeklärtheits- und Distanzkitsch vom Allerfeinsten. Wir sind sooo distanziert, von hier können wir die Aliens besser beobachten, die uns in die Matrix eingeschleust haben. Am spaßigsten wäre es, wenn wir das böse System mit gutem Kung Fu bekämpfen könnten. Am spießigsten wäre es, wenn wir noch als Konformisten enden und Trauer bekunden würden.

Leben, Tod, Leid und Freude bleiben in derartig holzschnittartigen Wahrnehmungen bloß intellektuell oder emotional umrissene Pixel- und Polygonmassen, die in modernster Next-Gen-Grafik irrtümlicherweise für Fleisch und Blut genommen werden. Es ist immer leicht, sich eine Holzhütte zu bauen, in der man sich wie ein König bewegen kann, weil der große Wald einen sehr klein erscheinen lässt. Nur, wie ist der Ausweg?
Ich brauch meiner kleinen dreijährigen Cousine nur in die Augen zu schauen, um mich in der Position zu denken und zu fühlen, nachzuvollziehen, was es heißt, als Vater seine Tochter zu verlieren. Es gibt nichts, was man im Leben nicht lernen oder verstehen kann, aber dafür braucht es Freiheit, ohne die die von dir erwähnte Pluralität der Emotionen eine Utopie bleibt. Freiheit heißt auch, etwas wie Trauer oder Unverständnis in ihrer so unergründbaren Beschaffenheit von fehlender oder vorhandener Authentizität sich entwickeln und sich frei entfalten zu lassen. Man kann nur Samen einpflanzen und danach bewässern, das Wachsen und Aufblühen ist eine Sache der Natur.

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Ich vermag natürlich besser zu dichten, als wie's hier geschieht. Ich spare mich für später auf.
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